Bertolt Brecht – An die Gleichgeschalteten (1935)

ZXM Plakatwand 2002 Exhibit

100 Jahre Bertholt Brecht (2002); Foto: Maryellen McFadden

Um sein Brot nicht zu verlieren in den Zeiten zunehmender Unterdrückung beschließt mancher, die Wahrheit über die Verbrechen des Regimes bei der Aufrechterhaltung der Ausbeutung nicht mehr zu sagen, aber auch die Lügen des Regimes nicht zu verbreiten, also zwar nicht zu enthüllen, aber auch nichts zu beschönigen.

Der so Vorgehende scheint nur von neuem zu bekräftigen, daß er entschlossen ist auch in den Zeiten zunehmender Unterdrückung sein Gesicht nicht zu verlieren, aber in Wirklichkeit ist er doch nur entschlossen sein Brot nicht zu verlieren. Ja, dieser sein Entschluß keine Unwahrheit zu sagen, dient ihm dazu, von nun an die Wahrheit zu verschweigen.    

Das kann freilich nur eine kleine Zeit durchgeführt werden. Aber auch zu dieser Zeit während sie noch einhergehen in den Ämtern und Redaktionen in den Laboratorien und auf den Fabrikhöfen als Leute aus deren Mund keine Unwahrheit kommt beginnt schon ihre Schädlichkeit. Wer mit keiner Wimper zuckt beim Anblick blutiger Verbrechen, verleiht ihnen nämlich den Anschein des Natürlichen. Er bezeichnet die furchtbare Untat als etwas so Unauffälliges wie Regen auch so unhinderbar wie Regen.

So unterstützt er schon durch sein Schweigen die Verbrecher, aber bald wird er bemerken, daß er, um sein Brot nicht zu verlieren nicht nur die Wahrheit verschweigen, sondern die Lüge sagen muß. Nicht ungnädig nehmen die Unterdrücker ihn auf, der da bereit ist sein Brot nicht zu verlieren. Er geht nicht einher wie ein Bestochener da man ihm ja nichts gegeben, sondern nur nichts genommen hat.

Wenn der Lobredner aufstehend vom Tisch der Machthaber, sein Maul aufreißt und man zwischen seinen Zähnen die Reste der Mahlzeit sieht, hört man seine Lobrede mit Zweifeln an. Aber die Lobrede dessen der gestern noch geschmäht hat und zum Siegesmahl nicht geladen war ist mehr wert. Er ist doch der Freund der Unterdrückten. Sie kennen ihn.

Was er sagt, das ist und was er nicht sagt, ist nicht. Und nun sagt er, es ist keine Unterdrückung. Am besten schickt der Mörder den Bruder des Ermordeten den er gekauft hat, zu bestätigen daß ihm den Bruder ein Dachziegel erschlagen hat. Die einfache Lüge freilichhilft ihm, der sein Brot nicht verlieren will auch nicht lange weiter. Da gibt es zu viele seiner Art. Schnell gerät er in den unerbittlichen Wettkampf aller derer die ihr Brot nicht verlieren wollen: es genügt nicht mehr der Wille zu lügen.

Das Können ist nötig und die Leidenschaft wird verlangt. Der Wunsch, das Brot nicht zu verlieren, mischt sich mit dem Wunsch, durch besondere Kunst dem ungereimtesten Gewäsch einen Sinn zu verleihen, das Unsagbare dennoch zu sagen. Dazu kommt, daß er den Unterdrückern mehr Lob herbeischleppen muß als jeder andere, denn er steht unter dem Verdacht, früher einmal die Unterdrückung beleidigt zu haben. So werden die Kenner der Wahrheit die wildesten Lügner.

Und das alles geht nur bis einer daherkommt und sie doch überführt früherer Ehrlichkeit, einstigen Anstands, und dann verlieren sie ihr Brot.

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Früher wie Heute gelten die Pamphlete von Brecht. Traurig, dass diese nicht an Aktualität verloren haben.

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