Warum haben Sie sich…

Falls Euch mal jemand beim Vorstellungsgespräch Fragen fragen sollte und ihr fragend zurück schaut, was diese Frage soll, dann lest euch mal als Beispiel die folgenden Worte durch:

Frage: „Warum haben Sie sich ausgerechnet in einer Bibliothek arbeiten?“

<–Gedanken–>Ich hasse diese Frage. Ich kann sie nicht ausstehen. Und noch mehr hasse ich die gespielt erwartungsvollen Gesichter, deren Lippen diese Frage formen, kurz bevor ihre Augen sich wieder mehr für meinen lückenhaften Lebenslauf als für mich als Menschen interessieren.

Es ist eine Frage, die ich nicht ehrlich beantworten darf. Ich muss mir eine Antwort aus dem Ärmel schütteln, die überzeugend rüberkommt. Eine Antwort, die ihnen zeigt, was für ein perfekter Bewerber ich bin, und warum ausgerechnet ich – mit meinem lückenhaften Lebenslauf, mit meinen mittlerweile 45 Jahren, mit meinen braun/weissen Haaren, meinem manchmal etwas eigenartigen Kleidungsstil, den paar Pfunden zuviel auf den Hüften, den durchgeknallten Vögeln in meinem Garten, dem wirren Humor und der Hollywoodschaukerl im Garten – für ausgerechnet diesen Beruf geeignet sein soll.

Ich muss lügen. Lügen, um etwas zu erreichen. Lügen, um eine Chance zu haben. Und mich selbst verleugnen.

Ich hasse das. <–Gedanken-END–>

Warum ich  in einer Bibliothek sein möchte? Ganz einfach: Weil ich Asperger-Autist bin und dieser Beruf nicht trotzdem, sondern gerade deswegen einfach perfekt für mich ist.

Denn ich liebe es, Dinge zu sortieren. Nach Kategorien, nach Zahlen, nach Alphabet, nach Farben. Während andere Leute sich zu Tode langweilen, habe ich einen riesigen Spaß daran. Ich liebe Bücher. Ich liebe ihre Form, ich liebe es, dass sie so viele Seiten haben. Ich liebe ihren Geruch. Ich mag, wie sie sich anfühlen. Und ich liebe den Anblick von hunderten von Büchern, wie sie fein säuberlich geordnet still und stramm in Regalen stehen und nur darauf warten, einen interessierten Leser ins Staunen zu versetzen. Und es macht mir Spaß, spontan zu entdecken, wenn eines falsch einsortiert worden ist.
Ich liebe es, neue Bücher in Schutzfolie einzuschlagen und dabei darauf zu achten, dass keine Luftblasen sich zwischen Folie und Buchdeckel bilden. Ich mag das Geräusch, wenn ich langsam die Folie vom Trägerpapier abziehe. Zzzzziiipp. Und wie unsäglich spannend es doch ist, mitzubekommen, was für neue Bücher es bald geben wird, und wie schön es ist, zu wissen, dass die nächsten, die sie durchblättern, Kinder sein werden, die mindestens genauso freudig piepsend und staunend davorsitzen.

Auch wenn es vormittags oft sehr laut ist wegen den vielen Kindern und mir das aufgrund meiner Geräuschempfindlichkeit oft sehr zu schaffen macht: Ich mag auch sie, wie sie unbeholfen Bücher aus den Regalen ziehen und alles heillos durcheinander bringen. Manchmal sehen die Regale aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Aber die Bücher wieder in ihre richtige Reihenfolge zu bringen und mir hinterher das perfekt einsortierte Regal anzuschauen, macht mich sehr glücklich. Es freut mich immer wieder, wenn ich ihnen bei ihren Aufgaben helfen oder ihnen etwas erklären konnte, was sie interessant fanden.

Es gab schon Kinder, die mich so sehr mochten, dass sie mich gar nicht loslassen und gar nicht wieder zurück in ihre Schule wollten. Von den kleinen Zwergen umarmt zu werden war für mich als Autist anstrengend und überfordernd, aber doch auch irgendwie sehr schön. Aber: Ich brauchte danach keine Pause. Ich konnte einfach meine Arbeit weitermachen: Bücher einsortieren, damit die Überforderung verschwand und das Chaos in meinem Kopf sich ordnete.
Man ahnt es jetzt vielleicht: Die Arbeit in der Bibliothek ist nicht einfach nur Arbeit für mich. Nicht einfach nur etwas, was ich tun müsste, um meine Brötchen zu verdienen. Die Arbeit ist etwas, was ich gerne tue und tun muss, damit ich mich gut und ausgeglichen fühle.

Ich finde es oft sogar richtig doof, wenn dann schon bald wieder Feierabend ist. Ich bin viel zu gerne dort.

Aber wie war das doch gleich mit der Synästhesie?
In meinem Kopf sind Zahlen, Buchstaben, Wochen und Jahre mit Farben verknüpft. Gerade bei den Zahlen und Buchstaben ist das in einer Bibliothek sehr hilfreich: Die Kategorien, die häufig nur mit einer Zahl oder ein oder zwei Buchstaben versehen sind, sind für mich nicht einfach nur ein Buchstabensalat, sondern haben ihre eigenen Farben und Farbkombinationen. Die Oberkategorien sind in Unterkategorien aufgeteilt, die aus drei Zahlen bestehen. Und dann hat jedes Buch nochmal die ersten Buchstaben des Namens des Autors. Diese drei (bzw. zwei, denn die Unterkategorien gibt es bei Romanen häufig nicht) Informationen stehen auf einem Klebchen auf jedem Buchrücken.

Zum Beispiel das kleine rote Büchlein mit dem Titel „Ask me“ von Antje Damm:
S
221/5
Dam

S steht für Sprachen. 221/5 steht für Romane und Bilderbücher in Englisch. Dam steht für Antje Damm, die Autorin des Buches.

Für mich sind das aber nicht nur irgendwelche Buchstaben oder Zahlen.
Der Buchstabe S ist gelb, und wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass Duden und Langenscheidt-Bücher häufig auch gelb sind, ist die perfekte Eselsbrücke geschlagen. 221/5 ist eine Reihenfolge von Farben, nämlich rostiges Orange, Weiß und Gelb. Und die Regalabschnitte, auf denen die 221/5er Bücher stehen, haben somit eher „herbstliche“ Farben. Während der Regalabschnitt für z.B. Russisch und Polnisch aufgrund ihrer Buchstabenfarben in meinem Kopf eher bläulich sind. Und ich weiß auch: Die „blauen“ russischen und polnischen Bücher sind links unten (aber nicht ganz unten) während die „herbstfarbenen“ 221/5er Bücher über ein paar Regalbretter auf der rechten Seite gehen.
Die Bücherregale werden immer deutlicher zu großen abstrakten Bildern mit farbigen Flecken in meinem Inneren. Es entsteht allmählich eine Art „übersetzte“ Karte in mir und ich freue mich immer wieder aufs Neue, wenn ich mich an neue Farbflecken erinnern kann und meine inneren Farbkarten sich weiter ergänzen.
Falls sich jetzt noch jemand fragt, wieso ich mir Namen so gut merken kann: Es sind die Farben! :-)

Es macht mich traurig und wütend, dass das JobCenter nicht will, dass ich weiterhin an diesem wunderbaren Ort arbeite, obwohl ich dort sehr glücklich bin und die Bibliothekarinnen sehr zufrieden mit meiner Arbeit sind. Ich weiß nicht, was mit mir passiert, wenn ich nicht mehr jeden Tag dort hingehen darf. Es fühlt sich an, als entstünde ein gigantischer Riss in meiner Welt, der so weit ist, dass ich nicht mehr erkennen kann, was auf der anderen Seite vor mir liegt. So sehr ist diese Bibliothek schon ein Teil von mir geworden.

Aber das alles kann ich ihnen nicht sagen, den Personalleiterinnen mit meinem löchrigen Lebenslauf in ihren perfekt manikürten Händen und den klimpernden Kettchen an denen ihre teure Brille hängt. Denn sie wollen die Antworten hören, die sie erwarten. Die Antworten, die mich zum perfekten Mitarbeiter machen, wenn ich jene vorgekauten Worte auswendig gelernt habe und perfekt vortragen kann. Und am besten schön kurz, denn dere nächste Bewerber wartet schon vor der Tür.

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